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Maximow 1909 in German (original) html

Cellular Therapy and Transplantation (CTT), Vol. 1, No. 3, 2009

Please cite this article as follows: Maximow A. Der Lymphozyt als gemeinsame Stammzelle der verschiedenen Blutelemente in der embryonalen Entwicklung und im postfetalen Leben der Säugetiere. Originally in: Folia Haematologica 8.1909, 125-134. Republished in: Cell Ther Transplant. 2009,1:e.000040.01. doi: 10.3205/ctt-2008-en-000040.01

Originally published in: Folia Haematologica 8.1909, 125-134.
(NB: Despite our best efforts, we have been unable to find out who we might have to ask for permission to reproduce this article. We greatfully acknowledge some help on this issue by Springer Publishers, for any further hints please contact info@spam is badctt-journal.com, thank you.)

Der Lymphozyt als gemeinsame Stammzelle der verschiedenen Blutelemente in der embryonalen Entwicklung und im postfetalen Leben der Säugetiere

Demonstrationsvortrag, gehalten in der außerordentlichen Sitzung der Berliner Hämatologischen Gesellschaft am 1. Juni 1909 

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Von Prof. Dr. A. Maximow

 

Die ersten Blutelemente entstehen bekanntlich aus den sog. Blutinseln, aus unregelmäßig begrenzten, miteinander netzartig verbundenen Zellansammlungen des peripheren mesenchymatösen Mesoblasts, im Bereiche der Area opaca. Die peripherischen Zellen der Blutinseln platten sich ab, werden zu Endothelzellen, die inneren runden sich ab und schwimmen als die ersten Blutzellen frei in einer Flüssigkeit, die man Blutplasma nennen kann. Ich habe nun gefunden, dass diese primitiven Blutzellen, wie ich sie nenne, keineswegs Erythroblasten vor­stellen, wie es nach der geläufigen Vorstellung sein sollte, sondern vollkommen indifferente Elemente, mit rundem hellem Kern und schmalem basophilem Proto­plasma; es sind weder rote, noch weiße Blutkörperchen; eher dürften sie noch weiße Blutkörperchen genannt werden, da sie manchmal, besonders z. B. beim Hühnchen, sofort amöboid und den großen Lymphozyten sehr ähnlich sind. Sie wuchern weiter, in der ersten Zeit vergrößert sich ihre Zahl auch noch durch Ablösung der Endothelzellen in den primitiven Gefäßen.

Nach einiger Zeit bemerkt man dann, wie sich diese primitiven Blutzellen in zwei Zellarten spalten. Die einen, die meisten, arbeiten im Protoplasma Hämo­globin aus und werden dadurch zu den sog. primitiven Erythroblasten. Es sind große, wuchernde, zuletzt sehr hämoglobinreiche Zellen mit relativ kleinen Kernen. Sie dienen dem Organismus lange Zeit, sterben aber allmählich aus und werden von den definitiven Erythroblasten und Erythrozyten verdrängt.

Der andere Teil der primitiven Blutzellen bleibt hämoglobinlos – es sind jetzt Zellen mit großem hellem nukleolenhaltigem Kern, schmalem, amöboidem, stark basophilem Plasmasaum; histologisch entsprechen sie vollkommen dem Be­griff der großen Lymphozyten. Es sind die ersten Leukozyten des Embryo, die also als Lymphozyten erscheinen.

Nun sehen wir im folgenden, wie diese intravaskulären Lymphozyten in der Area vasculosa zum Ausgangspunkt der Erythropoese werden. Sie erzeugen durch heteroplastische Wucherung sekundäre Erythroblasten; zuerst erscheinen hellkernige, kleinere oder größere Megaloblasten; die späteren Generationen nähern sich immer mehr und mehr dem Normoblastentypus, und schließlich be­kommen wir in den Gefäßen der Area vasculosa in buntem Durcheinander primi­tive, sehr hämoglobinreiche Erythroblasten, basophile Lymphozyten und große Mengen von haufenweise gelagerten, wuchernden Megaloblasten und Normoblasten.

Trotz der Erzeugung von Erythroblasten dürfen aber die Lymphozyten selbst doch keineswegs als Erythroblasten bezeichnet werden; denn sie geben schon im Dottersack außer hämoglobinhaltigen Zellen auch Megakaryozyten und verschie­denen anderen Elementen Ursprung, die mit roten Blutkörperchen nichts zu tun haben.

Diese sekundären Erythroblasten sind von den primitiven scharf getrennt und unterscheiden sich von ihnen sofort durch ihren kleineren Umfang und durch den besonders in den Normoblasten kleineren dunkleren Kern, Schließlich wird dieser Kern pyknotisch und verlässt in degeneriertem Zustand die Zelle.

Ich streife hier absichtlich die Frage der Entkernung der Erythroblasten, weil sie sich mir heutzutage in einem Zustande zu befinden scheint, der dem verfügbaren Tatsachenmaterial nicht entspricht. Ich finde, dass alle bekannten Tatsachen für eine Kernausstoßung sprechen und keine dagegen; für den intra­zellulären Kernschwund liegen hingegen keine direkten Beweise vor – ich meine dabei die normale Blutbildung. Wenn man, wie es z. B, gerade in den hämo­globinreichen primitiven Erythroblasten der Fall ist, oft blasse Kernschatten zu sehen bekommt, so hängt das doch nur davon ab, dass die basische Farbe durch den dicken Hämoglobinmantel nicht durchdringen kann. Sobald aber der Kern heraustritt, färbt er sich sofort dunkel.

Das Gefäßnetz der Area vasculosa ist also das erste blutbildende Organ bei dem Säugetierembryo. Hier entstehen Lymphozyten, Erythrozyten und Megakaryozyten, aber niemals Granulozyten.

Während sich die beschriebenen Prozesse in den außerembryonalen Teilen abspielen, bemerkt man im Körpermesenchym, welches zuerst ganz und gar frei von Wanderzellen ist, schon in sehr frühen Stadien, z. B. bei Kaninchen und Meerschweinchen von 4–5 mm Länge, das Erscheinen der ersten freien Wander­zellen, Sie entstehen durch Abrundung und Isolierung ans den gewöhnlichen, in­differenten, ästigen Mesenchymzellen.

Die ersten Wanderzellen sind im allgemeinen lymphozytenähnlich, das heißt, sie sehen meistens genau so aus, wie die Lymphozyten in den Gefäßen der Area vasculosa. Gleich beim ersten Erscheinen, noch mehr in den etwas späteren Sta­dien, sieht man aber überall im Mesenchym auch Wanderzellen anderer Art auf­treten, z. B. Zellen mit blassem, amöboidem, oft vakuolärem Plasma und kleinen, unregelmäßig gefalteten, hellen oder dunklen Kernen. Die WanderzelIen im Mesenchym sind also sehr mannigfaltig, sehr polymorph, und zwischen allen ihren Formen bestehen Übergänge. Diese histologischen Unterschiede haben auch keine besondere Bedeutung, denn die Grundeigenschaft der Zellen, ihre progressive Ent­wicklungspotenz, bleibt immer unverändert, und alle Wanderzellen des Mesenchyms sind gleichwertig.

Das wichtigste ist aber, dass die Wanderzellen des Mesenchyms auch mit den intravaskulären und im Blute zirkulierenden Lymphozyten der Area vasculosa in morphologischer und physiologischer Beziehung ebenfalls identisch sind; beide sind freie amöboide, indifferente Mesenchymzellen, obwohl diese Zellen, je nach den äußeren Bedingungen, in denen sie sich befinden, sehr verschieden aussehen können.

Wie die Lymphozyten in den Gefäßen der Area vasculosa Erythroblasten und Megakaryozyten erzeugen, so geschieht dies auch an vielen Stellen im Mesenchym. Im Mesenchym kann aber die differenzierende Entwicklung der Wanderzellen oder der Lymphozyten noch weitergehen – ein Teil von ihnen verwandelt sich hier in granulierte Myelozyten und Leukozyten. Meistens entstehen dabei sofort polymorphkernige, kleine, abortive Leukozyten, die im Gewebe einzeln zer­streut liegen und bald degenerieren oder gefressen werden.

Was die Identität der mesenchymatischen Wanderzellen mit den intravaskulären Lymphozyten der Area vasculosa noch weiter beweist, ist die Tatsache, dass das Endothel gewisser Gefäße, vor allem der Aorta, in gewissen Stadien und an bestimmten Stellen intensiv wuchert, wobei große Zellhaufen entstehen, die in das Lumen hineinragen, vom Blut weggespült werden und sich als echte Lympho­zyten dem zirkulierenden Blute beimischen. Sie können hier von den aus der Area vasculosa stammenden Lymphozyten gar nicht unterschieden werden.

Hier möchte ich gleich auch eine kurze Bemerkung über das zirkulierende Blut machen. Trotz der hergebrachten Meinung ist es Tatsache, dass weiße Blutkörperchen, und zwar große Lymphozyten, schon von den allerfrühesten Ent­wicklungsstadien an im Blute existieren, und zwar in bedeutender Menge. Die meisten Lymphozyten werden natürlich als Erzeuger der Erythroblasten im blut­bildenden Gefäßnetz der Aren vasculosa zurückgehalten, Aber ein Teil geht doch immer in die Zirkulation über.

Das zweite Blutbildungsorgan des Säugetierembryos ist die Leber. Zwischen den Leberzellen, extravaskulär, werden hier bekanntlich Erythrozyten, Megakaryozyten und Granulozyten gebildet. Es fragt sich nun, wo ist der Ausgangspunkt dieser Hämatopoese zu suchen? Wenn man passende Stadien untersucht, findet man, dass zuerst zwischen den Leberzellen und dem Gefäßendothel Wanderzellen auftreten, die ganz so aussehen, wie die Wanderzellen im übrigen Körpermesenchym; zum Teil sind sie lymphozytenähnlich, zum Teil kleinkernig und blass. Wenn wir noch weiter zurückgehen und die Stadien untersuchen, wo die Leber­zellenstränge in das Mesenchym des Septum transversum einwuchern, so gewinnen wir die Überzeugung, dass sich die Wanderzellen aus diesem Mesenchym ableiten lassen. Die Mesenchymzellen gelangen als solche, oder schon als Wanderzellen, zwischen die Leberzellen und die Endothelwände der ebenfalls wuchernden Gefäße. Hier bleiben sie zunächst eine kurze Zeit unverändert. Bald entfalten sie aber eine erstaunliche Entwicklungsfähigkeit. Die Wanderzellen verwandeln sich zunächst zum größten Teil in wuchernde große Lymphozyten, die große Mengen von Erythroblasten und Erythrozyten produzieren. Ein kleinerer Teil verwandelt sich in Granulozyten und Megakaryozyten. Also sehen wir auch in der Leber dieselbe indifferente wandernde Mesenchymzelle, den Lymphozyt, zum Ausgangs­punkt der Hämatopoese werden. Sie findet zwischen den Leberzellen sehr günstige Existenzbedingungen, wuchert und erzeugt die verschiedensten Blutelemente.

Das dritte endgültige Blutbildungsorgan, welches die Leber ablöst, ist das Knochenmark. Auch seine Entstehung habe ich von Anfang an verfolgt. Auch hier sehen wir nun wieder, dass sich in dem jungen, indifferenten Mesenchym, welches in den Knorpel eindringt und ihn resorbiert, ein Teil der fixen Zellen in WanderzelIen verwandelt, die auch zuerst äußerst polymorph aussehen. Auch hier erlangen sie zuletzt fast alle das Aussehen von typischen Lymphozyten, und diese werden wieder zum Ausgangspunkte der Blutbildung, die eigentlich ebenso verläuft wie in der Leber und ebenso wie dort extravaskulär geschieht, zum Unterschied von der Leber aber für das ganze Leben bleibt. Die Lymphozyten erzeugen auch hier durch differenzierende Wucherung Erythroblasten, Megakaryozyten und Granulozyten der verschiedenen 3 Arten. Ein Teil von ihnen aber produziert auch ihresgleichen, d.h. typische ungranulierte Lymphozyten, d.h. funktioniert nicht nur myeloblastisch, sondern gleichzeitig auch lymphoblastisch.

Bis jetzt haben wir eigentlich bei der Blutbildung nur die Elemente des sog. myeloiden Gewebes entstehen sehen – Erythrozyten, Megakaryozyten und Granulozyten. Man könnte nun sagen, und Schridde sagt es auch tatsächlich, dass die Zellen, die ich bisher Lymphozyten nannte, gar keine solchen sind, sondern Myeloblasten. Die von mir beobachteten Elemente entsprechen zwar histologisch vollkommen den Lymphozyten, aber man könnte einwenden, dass nur die­jenigen Zellen als Lymphozyten oder Lymphoblasten zu bezeichnen wären, aus denen nachgewiesenermaßen typische kleine Lymphozyten entstehen. Solche Zellen, also die echten Lymphoblasten, sollen aber nach Schridde erst viel später auf­treten und auch ganz anders aussehen.

Schon von den frühesten Stadien an können nun allerdings einzelne Exem­plare der beschriebenen Wanderzellen typischen kleinen Lymphozyten mehr oder weniger ähnlich sein, aber es ist wahr, dass die letzteren in großen Mengen im Organismus erst relativ spät entstehen. Im Knochenmark sehen wir schon ziemlich häufig, und je später je zahlreicher, viele von den Nachkommen der wuchernden Großlymphozyten das entsprechende Aussehen annehmen. In besonders großen Mengen erscheinen aber die kleinen Lymphozyten in der Thymus. Auch über dieses Organ muss ich hier folglich einiges sagen. Die Kenntnis der Thymushistogenese ist sehr wichtig für die einheitliche Auffassung der Bedeutung der Lymphozyten im Organismus.

Zuerst ist die Thymus rein epithelial. Daun erscheinen in ihrer Umgebung, schon sehr früh, im Mesenchym zahlreiche Wanderzellen von verschle­iern Aussehen, ebenso wie an den anderen Körperstellen; zum Teil sind es wieder große Lymphozyten, zum Teil blasse kleinkernige Wanderzellen. Alle diese amöboiden Zellen wandern nun in die epitheliale Anlage ein und verwandeln sich hier in kürzester Zeit sämtlich in typische große Lymphozyten. Also eigent­lich zuerst dasselbe, wie in der Leber; die ersten Lymphozyten der Thymus sind zweifellos morphologisch die selben Zellen, wie die ersten Granulozyten bildenden Lymphozyten in der Leber. Nur sind die Existenzbedingungen für diese Zellen hier augenscheinlich ganz andere wie dort, denn die Lymphozyten in der Thymus erzeugen, obwohl sie äußerst stark wuchern, niemals Erythroblasten und nur sehr spärliche Granulozyten, sondern immer nur ihresgleichen. Sie infiltrieren bald das ganze Organ; mit der Wucherung werden sie immer kleiner und kleiner, und schließlich bekommt man unzählige Mengen typischer kleiner Lymphozyten, die ins Blut ausgeschwemmt werden.

Was die Lymphknoten anbetrifft, so sieht man bei ihrer ersten Ent­stehung wieder die Verwandlung kleiner, dichtgedrängter, indifferenter Mesenchymzellen in kleine amöboide Wanderzellen. Auch hier tritt wieder von Anfang an die starke Polymorphie dieser Wanderzellen hervor; es können sofort einzelne große Lymphozyten entstehen, meistens bekommt man aber zuerst ganz kleine, obzwar hellkernige, protoplasmaarme amöboide Elemente. Sie wuchern, verwandeln sich dabei zum Teil in typische dunkelkernige kleine Lymphozyten und gelangen in die Lymphspalten. Andererseits sieht man sie sich aber gelegentlich auch in große, sogar riesige Lymphozyten verwandeln, die dann weiter, ebenso wie in der Thymus, wieder kleine Lymphozyten liefern können. Es muss also mit Bestimmt­heit hervorgehoben werden, dass zur Erzeugung typischer kleiner Lymphozyten beim Embryo große Lymphozyten gar nicht unbedingt notwendig sind.

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Die Untersuchung der fötalen Blutbildung lehrt uns also, dass man Myelo-blasten und Lymphoblasten nicht unterscheiden kann. Es existiert eine einzige Zellart, eine ubiquitäre, indifferente, polymorphe, wandernde Mesenchymzelle, die je nach den verschiedenen Bedingungen, in denen sie sich befindet, verschieden aussieht uud verschienene Differenzierungsprodukte liefern kann. Auch rein histologisch sind beim Embryo Lympho­blasten und Myeloblasten nicht zu trennen.

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Bei Betrachtung der Blutbildung im erwachsenen Organismus von dem uns jetzt interessierenden Standpunkt wären vor allem 2 Fragen zu lösen, die sich auf die ungranulierten Zellen beziehen.

Die erste betrifft die Wechselbeziehungen der großen und kleinen Lymphozyten. Diese beiden Begriffe sind geschaffen worden auf Grund von Untersuchungen die am erwachsenen Organismus ausgeführt wurden. Die geläufige Vor­stellung ist nun die, dass die kleinen Lymphozyten durch Wucherung aus den großen in den Keimzentren entstehen, selbst aber nicht weiter vermehrungsfähig sind und sich namentlich nicht wieder in große Lymphozyten zurückverwandeln können.

Nun glaube ich mich auf Grund meiner Untersuchungen auf einen anderen Standpunkt stellen zu müssen. Die kleinen Lymphozyten entstehen im erwachse­nen Organismus in der Tat meistens durch Wucherung größerer Zellen. Un­mittelbar nach ihrer Entstehung sind sie während einer Zeit lang in der Tat der Wucherung nicht fällig, Wahrscheinlich hängt dieser Zustand von der besonderen, durch die intensive vorherige Wucherung herbeigeführten Kernplasmarelation ab. Dass diese reifen kleinen Lymphozyten aber weiter entwicklungsfähig sind, das halte ich für absolut sicher. Sie gelangen ins Blut und zirkulieren und wenn sie passenden Bedingungen begegnen, dann können sie wieder als vollwertige indifferente Mesenchymzellen zum Ausgangspunkt verschiedenartiger Entwicklungs­prozesse werden; sie können sieh sogar sicherlich wieder durch Hypertrophie in teilungsfähige Großlymphozyten verwandeln. Der Sinn der merkwürdigen Er­scheinung, dass im erwachsenen Organismus die Lymphozyten zum größten Teil das Stadium der kleinen, während einer gewissen Periode der Wucherung un­fähigen Zelle passieren müssen, liegt, wie ich glaube, in dem Umstand, dass die Zellen in diesem Zustand der kleinen Lymphozyten besonders leicht in dem Blut- und Lymphstrom transportiert werden und überall, in alle Organe und Ge­webe gelangen können. Dieser Gedanke ist neulich auch von Weidenreich ausgesprochen worden.

Die kleinen und die großen Lymphozyten sind also bloß vorübergehende Zustände im Leben ein und derselben Zellart, des Lymphozyten im weitesten Sinne des Wortes.

Die zweite Frage betrifft die Unterscheidung von besonderen Lymphoblasten und Myeloblasten im erwachsenen Organismus. Wenn diese Unterscheidung beim Embryo, wie wir gesehen haben, keine Berechtigung hat, so braucht man daraus noch nicht a priori auch auf ihre Unmöglichkeit beim erwachsenen Orga­nismus zu schließen. Eine ganze Reihe von Autoren, mit Schridde an der Spitze, behauptet auch, dass die ungranulierten Zellen im lymphoiden Gewebe einer-, im myeloiden andererseits nicht dieselben Großlymphozyten, sondern zwei verschiedene Zellarten, Lymphoblasten und Myeloblasten, sind.

Über die artliche Identität zweier Zellarten müssen natürlich erstens die histologischen Merkmale und zweitens die physiologischen Eigenschaften, speziell die prospektiven Entwicklungspotenzen entscheiden.

Was nun die histologischen Charaktere der beiden Zellarten betrifft, so ließ ich in meinem Laboratorium den Herrn Dr. S. Tschaschin die von Schridde angegebenen Unterschiede genau prüfen.

Soviel sich nach den bisher erlangten Resultaten urteilen lässt, gelingt es allerdings schon bei neugeborenen Tieren in den meisten Fällen gewisse Unter­schiede zu bemerken, die jedoch von sehr geringfügiger Natur sind. Die Lymphoblasten besitzen einen im allgemeinen schmaleren, homogeneren Protoplasmasaum, während im Kern die Nukleolen größer und in der Regel sehr tief gefärbt er­scheinen. Die sogenannten Myeloblasten besitzen meistens, obwohl nicht immer, einen breiteren Protoplasmasaum von mehr lockerem, retikulärem Gefüge; seine Basophilie schwankt in den weitesten Grenzen. Der Kern enthält stets Nukleolen, sie sind aber kleiner und färben sich nicht so distinkt. Überhaupt er­scheinen die Myeloblasten viel polymorpher, als die Lymphoblasten, und die unter den Myeloblasten selbst bestehenden Unterschiede sind oft größer, als die Unterschiede zwischen den Myeloblasten und Lym­phoblasten.

Speziell wurde auch die Altmann-Schriddesche Färbung angewandt, die von Schridde als das wichtigste Mittel zur Unterscheidung bezeichnet wird, und es hat sieh ergeben, dass die großen, bei den Eosin-Azur-Färbungen granulalosen Zellen im adenoiden Gewebe und im Knochenmark, also die Schriddeschen Lymphoblasten und Myeloblasten in beiden Fällen sowohl granulahaltig, als auch granulaarm oder granulalos sein können; meistens enthalten sie Hur wenige Granula. Also im Gegensatz zu Schridde, nach welchem die Lymphoblasten immer, die Myeloblasten niemals Granula enthalten sollen. Die kleinen und mittleren Lymphozyten enthalten hingegen immer sehr deutliche zahlreiche Körner. Ebenso färben sieh die Spezialkörnchen und die eosinophilen Körner mit. Die Methode gibt überhaupt ganz dieselben Bilder, wie die altbekannte ursprüngliche von AItmann, und zu Untersuchungen über Blutzellen erscheint sie mir gerade besonders wenig geeignet. Die verschiedenen Färbungsnüancen, auf die sich Schridde be­ruft, können natürlich nicht ernsthaft für die Unterscheidung bestimmter Zellarten in Anspruch genommen werden. Es versteht sich von selbst, dass alle diese Granulabilder überhaupt keine besondere Bedeutung haben können; denn dass in ein und derselben Zelle je nach ihrem Funktionszustand Granula, selbst wenn sie intravital existieren sollten, neu auftreten und wieder vergehen können, ist wohl über alle Zweifel erhaben.

Wenn also gewisse, wenig konstante und schwer zu definierende histologische Unterschiede auch vorhanden sind, so muss man andererseits bedenken, dass die Zellen in den Lymphknoten und im Mark sich ja sicherlich in ganz verschiedenen Medien befinden; die histologischen Unterschiede könnten schon dadurch allein ge­nügend erklärt werden. Außerdem sehen wir ja, dass sich die Lymphozyten schon von den ersten embryonalen Stadien an durch äußerste Polymorphie aus­zeichnen, obwohl sie trotzdem alle vollkommen gleichwertig sind. Die histo­logischen Unterschiede allein berechtigen uns also nicht zur scharfen Trennung der Lymphoblasten und Myeloblasten. Diese Trennung wäre erst möglich, wenn es gelingen würde, zu beweisen, dass die einen Zellen in die anderen niemals übergehen können und dass die Differenzierungsprodukte der beiden unter allen möglichen Bedingungen ganz verschiedene sind.

Diese physiologischen oder vielmehr die produktiven zytogenetischen Eigenschaften unserer Zellen wollen wir jetzt näher betrachten. Wenn die Lymphozyten des adenoiden Gewebes und die Lymphozyten des Markes gleichwertige Zellen sind und normal verschiedene Differenzierungsprodukte nur aus dem Grunde geben, weil sie sich in verschiedenen Existenzbedingungen befinden, so müsste man versuchen, für die Lymphozyten des adenoiden Gewebes, also für die ver­meintlichen Lymphoblasten, solche Bedingungen künstlich zu schaffen, dass sie sich zu Granulozyten und Erythroblasten differenzieren könnten. Es ist ja be­kannt, dass bei verschiedenen Gelegenheiten im adenoiden Gewebe myeloide Trans­formation eintreten kann. Es kann jetzt auch als allgemein bewiesen gelten, dass die letztere dabei von autochthonen Elementen ausgeht. Es fragt sich nur, welche Zellen kommen dabei in Betracht? Es sind bekanntlich nicht die Keimzentrumszellen, die sich in Myelozyten und Erythroblasten verwandeln – sondern dies geschieht mit Zellen, die in den Marksträngen der Lymphknoten und in der roten Milzpulpa liegen. Die Dualisten erblicken nun gerade darin einen Beweis für die Richtigkeit ihrer Anschauungen; nach ihnen sollen es besondere, von den Lymphoblasten ganz verschiedene, latent schon früher dagewesene Myeloblasten sein, die sich dabei in myeloide Elemente verwandeln, oder direkt die Gefäßwandzellen. Andere nehmen wieder an, dass dabei besondere adventitielle indiffe­rente Mesenchymzellen zum Ausgangspunkt der Transformation werden.

In meinem Laboratorium ließ ich durch Frau Dr. H. Babkin an Tieren besondere Experimente machen, um der Lösung dieser Frage etwas näher zu treten. In der Milz gelang es sehr leicht, einen Teil der myeloiden Umwandlung, nämlich die Bildung von Myelozyten und Megakaryozyten hervorzurufen – es genügt dazu, einen aseptischen Fremdkörper in das Milzgewebe einzuführen – in seiner Umgebung bekommt man sehr bald zahlreiche Myelozyten und Megakaryozyten. In den Lymphknoten gelang es hingegen vorläufig nicht, mit dieser und ähnlichen Methoden myeloide Verwandlung auszulösen. Auch in der Milz blieben die Malpighischen Körperchen unverändert – die Myelozyten entstanden immer nur in der roten Pulpa und in den Venensinus.

Diese Experimente scheinen ebenfalls auf den ersten Bück für die Verschiedenheit der Lymphoblasten und Myeloblasten zu sprechen. Indessen glaube ich doch nicht, dass ihre vorläufigen Resultate so zu deuten wären. Wir müssen bedenken, dass im adenoiden Gewebe ganz besondere Bedingungen herrschen müssen, die diese Bezirke vor allen anderen Körperteilen gerade für die homo­plastische Vermehrung der indifferenten Mesenchymzellen, der Lymphozyten, ge­eignet erscheinen lassen. In diesen Brutstätten fehlen normal vollständig die Vorbedingungen für die myeloide Verwandlung der Lymphozyten. Diese beiden Arten von Bedingungen, die für die homoplastische Wucherung in unverändert indifferentem Zustande einerseits und die für die heteroplastische, differenzierende myeloiden Elementen andererseits nötigen, sind augenscheinlich im erwachsenen Organismus miteinander nicht zu vereinigen, und deswegen gelingt es auch nicht auf künstlichem Wege, die Keimzentrumszellen und die jungen kleinen Lymphozyten an Ort und Stelle ihrer Entstehung zu veranlassen, direkt in Granulozyten und Erythroblasten überzugehen. Wo die myeloide Verwandlung beginnt, hört andererseits bekanntlich die homoplastische Wucherung auf und verschwinden die Keimzentren. 

Wahrscheinlich ist auch die Jugendlichkeit der weitaus größten Mehrzahl der Lymphozyten im adenoiden Gewebe an und für sich schon selbst ein Hinder­nis für ihre myeloide Verwandlung; für diese Zellen muss vielleicht eine gewisse Zeit verstreichen, ehe sie der myeloiden Differenzierung fähig werden, und außerdem müssen sie dazu in besondere, entsprechende Existenzbedingungen geraten; es kann vermutet werden, dass z. B. die Zirkulation im Blutstrom die ans dem adenoiden Gewebe stammenden Lymphozyten zur myeloiden Verwandlung besonders geeignet macht.

Wenn das alles indirekte, vielleicht zweifelhafte Beweise für die Gleich­wertigkeit der Lymphozyten des lymphoiden und myeloiden Gewebes in Bezug auf ihre prospektive Entwicklungspotenz im erwachsenen Organismus sind, so exi­stiert, wie ich glaube, noch ein anderer direkter Beweis, der indessen vorläufig, meiner Meinung nach, von den verschiedenen Autoren, die über heterotrope Bildung myeloiden Gewebes geschrieben haben, zu wenig beachtet wurde.

Ich habe nämlich seinerzeit die Histogenese des myeloiden Gewebes studiert, welches sich in der Kaninchenniere nach Unterbindung ihrer Hauptgefäße ent­wickelt. Dies Objekt ist besonders in der Beziehung günstig, dass ja in dem spärlichen Stroma der Niere in der Norm schon sicherlich keinerlei lymphoide Elemente existieren. Es hat sich herausgestellt, dass dabei alle Knochenmark­elemente, Granulozyten, Megakaryozyten und Erythroblasten aus den Lymphozyten des zirkulierenden Blutes entstehen, also aus Zellen, die ja nachgewiesenermaßen aus dem adenoiden Gewebe mit seinen Keimzentren stammen. Die kleinen Lymphozyten des Blutes verwandeln sich dabei wieder in große Lymphozyten und wandern in das Gewebe als kleine oder schon als große Zellen aus. Noch innerhalb der Gefäße oder erst nach der Auswanderung bilden sie dann durch Granulaanhäufung im Plasma Myelozyten, durch Hämoglobinausarbeitung Erythro­blasten. Eigentliche Myeloblasten pflegen im normalen Blut doch wohl nicht vor­banden zu sein, obwohl K. Ziegler die großen mononukleären Leukozyten für solche dauernd indifferente und entwicklungsfähige Zellen erklärt. Aber auch diese entstehen nach neueren Untersuchungen aus den banalen kleinen Lymphozyten.

Ich glaube annehmen zu können, dass, wenn beim Menschen myeloides Ge­webe heterotrop entsteht, dies vielleicht auch auf Kosten der ja überall vorhandenen Lymphozyten des zirkulierenden Blutes oder der ihnen vollständig gleichwertigen Lymphozyten des Bindegewebes und des adenoiden Gewebes geschehen könnte, nicht auf Kosten latenter Myeloblasten, oder problematischer wuchernder Adventitiazellen oder Gefäßwandzellen.

Alles in allem komme ich folglich zum Schluss, dass auch für den er­wachsenen Organismus kein Grund vorliegt, die Existenz von zwei scharf getrennten Zellarten, der Myeloblasten und Lymphoblasten, anzuerkennen. Im Säuge­tierorganismus existiert eine Zellart, der Lymphozyt im weitesten Sinne des Wortes, die je nach dem Ort ihres Aufenthaltes, je nach den Existenzbedingungen, verschieden aussehen und verschiedene Differenzierungsprodukte liefern kann. Die Lymphozyten sind ubiquitär, überall gleichwertig, histogene und hämatogene können nicht unterschieden werden. Im adenoiden Gewebe erzeugen sie durch homoplastische Wucherung nur immer wieder Lymphozyten. Die dabei entstehende leicht transportable Form, der kleine Lymphozyt, zirkuliert mit dem Blut- und Lymphstrom überall im Organismus und erlangt nach einer gewissen Periode der Inaktivität bald wieder die volle Entwicklungsfähigkeit.

Originally published in: Folia Haematologica 8.1909, 125-134.

Please cite this article as follows: Maximow A. Der Lymphozyt als gemeinsame Stammzelle der verschiedenen Blutelemente in der embryonalen Entwicklung und im postfetalen Leben der Säugetiere. Originally in: Folia Haematologica 8.1909, 125-134. Republished in: Cell Ther Transplant. 2009,1:e.000040.01. doi: 10.3205/ctt-2008-en-000040.01

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